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Sannyāsa

wenn der Weg nach innen ruft

Sannyāsa

Für uns alle kommt irgendwann ein Punkt, an dem sich der Blick verändert. Ein langer Weg liegt dann hinter uns. Er ist gefüllt mit Erfahrungen, Entscheidungen, Begegnungen, Schmerzen, Erfolgen, Irrtümern, Erkenntnissen und Wiederholungen.

Irgendwann entsteht in uns eine neue Bewegung. Es geht immer weniger darum, im Außen den größten Berg zu errichten. Es geht immer weniger darum, durch die Welt zu hetzen, dem nächsten Erlebnis, dem nächsten Kick oder der nächsten Bestätigung hinterherzulaufen.

Etwas in uns wird stiller, reifer, wacher.

Innere Kind Arbeit – Glückliche Beziehungen Leben 1

Wenn das Leben nach innen ruft

Ich spüre diesen Abschnitt meines Lebens sehr deutlich. Es ist eine Zeit der Reflexion. Eine Zeit, in der ich mein Leben anschaue, mein Leben Revue passieren lasse und alles, was noch in mir wartet, in einen größeren Frieden führen möchte.

All die unverdauten Krisen, all die alten Dramen, all das, was ich auf meinem Lebensweg gesammelt habe, darf gesehen werden. Der Blick geht nach innen. Dort beginnt der eigentliche Weg zu mir selbst.

Die vier Āśramas als innere Landkarte

Im hinduistischen Denken gibt es das Modell der vier Āśramas, der vier Lebensphasen.

  • Brahmacharya beschreibt die Zeit des Lernens, der Schulung und der Ausrichtung.
  • Grihastha ist die Phase des Hauses, der Verantwortung, der Familie, der Arbeit und des Wirkens in der Welt.
  • Vanaprastha beschreibt den allmählichen Rückzug aus der äußeren Verstrickung, eine Hinwendung zu Reflexion, Weisheit und innerer Ordnung.
  • Sannyāsa ist der Abschnitt, in dem Loslassen, Befreiung und Heimkehr in das Wesentliche in den Mittelpunkt rücken.

Für mich ist dieses Modell keine starre religiöse Theorie. Es ist eine Landkarte für den inneren Reifungsweg des Menschen. Jede Phase hat ihre Würde. Es gibt eine Zeit des Aufbaus, eine Zeit der Verantwortung, eine Zeit des Rückzugs und eine Zeit der inneren Heimkehr.

In der Yoga Philosophie wird das Leben als Schulungsweg verstanden.

Sannyāsa ist für mich der Moment, in dem der Mensch beginnt, seine Geschichte zu ordnen und Frieden mit seinem Weg zu schließen.

Mein Blick auf den Weg, der hinter mir liegt

Ich werde im März nächsten Jahres fünfzig. Heute Morgen saß ich auf meinem Stuhl im Büro und spürte eine klare Erkenntnis: Alle meine Visionen, alle meine Träume, alles, was ich irgendwann als wichtig in meinem Leben erachtet habe, ist abgearbeitet. Dieser Satz hat in mir eine große Ruhe ausgelöst. Es war kein Triumph, eher ein stiller Frieden. Ein jüngerer Teil in mir, der so lange gesucht, gekämpft, erschaffen und getragen hat, darf endlich ausatmen.

Als mich 2020 der Schlaganfall traf, war da noch ein gewaltiger innerer Berg. Bedürfnisse, Visionen, Wünsche, Schuldgefühle und alte Verpflichtungen standen in mir.

Manche dieser Visionen hatten ihren ursprünglichen Sinn bereits verloren, und doch waren sie an einen jüngeren Anteil in mir gebunden. Es war mir eine Freude, diese Dinge zu vollenden.

Ich wollte diesem Teil in mir Frieden schenken. Heute spüre ich: Dieser Anteil hat bekommen, was er brauchte. Er darf ruhen.

Das Abarbeiten des Lebens als Bewusstwerdung

In den letzten Jahren habe ich sieben Tage die Woche gearbeitet. Oft zehn bis zwölf Stunden am Tag. Ich habe geschrieben, formatiert, Inhaltsverzeichnisse gesetzt, Bücher aufgebaut, Texte überarbeitet, Inhalte geordnet und vieles mehr. Es war eine anstrengende Zeit. Gleichzeitig war es eine Zeit großer Bewusstwerdung. Ich habe nicht einfach Projekte erledigt. Ich habe Schichten meines Lebens abgeschlossen.

Erst durch diesen Abschluss wurde mir der Wert meines Lebens bewusst. Ich konnte sehen, was ich getragen habe. Ich konnte sehen, wie viel Kraft, Disziplin und Hingabe in diesem Weg lagen. Nach Krankheit und Corona-Krise sind wir äußerlich nicht reich geworden. Unser Reichtum liegt in Erfahrungen. In gelebten Wegen. In erfüllten Visionen. In Büchern. In Unterricht. In Erkenntnissen. In der Erfahrung, seinen Lebensweg bereits vor dem Lebensende in wesentlichen Teilen abgeschlossen zu haben.

Das ist mein Lebenserfolg. Diese Erkenntnis trägt Frieden in sich.

Bhakti und die Befreiung des suchenden Anteils

Lange Zeit habe ich versucht, meine Egos zu bekämpfen, zu besänftigen oder irgendwie zur Ruhe zu bringen. Heute sehe ich diesen Weg milder. Das Ego war nicht mein Feind. Es war oft ein suchender Anteil. Es trug Sehnsucht, Schmerz, alte Bedürfnisse, offene Wünsche und den Drang, endlich anzukommen. Es wollte gesehen werden. Es wollte vollenden. Es wollte Frieden.

Bhakti Yoga hat mir geholfen, diesen suchenden Anteil anders zu verstehen. Bhakti ist für mich Hingabe an das Größere und zugleich eine Befreiung des inneren Suchers. Wenn dieser Anteil seinen Frieden findet, entsteht eine tiefe Form von Ruhe. Auf der Ebene des Egos entsteht Zufriedenheit. Es kann sagen: Ich habe getan, was ich tun musste. Ich habe meinen Weg erfüllt. Ich darf loslassen.

Diese wirkliche Befreiung des suchenden Anteils gehört für mich zu den größten Geschenken auf dem spirituellen Weg. Sie erschafft Frieden, weil innerlich nichts mehr schreit, vollendet werden zu müssen.

Maya verlassen in Frieden und Leichtigkeit

Sannyāsa ist für mich keine düstere Vorbereitung auf das Sterben. Es ist ein Klarwerden mit dem eigenen Lebensweg. Es ist die bewusste Hinwendung zu Frieden, solange das Leben noch da ist. Wenn der Tag irgendwann kommt, an dem wir die göttliche Illusion Maya verlassen, wünsche ich mir, dass dieser Übergang von Leichtigkeit getragen ist. Kein innerer Kampf. Kein Festhalten an unerfüllten Bildern. Kein Schreien des Egos nach versäumtem Leben.

Maya ist das große Spiel der Erscheinungen. Wir leben in Rollen, Namen, Beziehungen, Aufgaben, Erfolgen, Krisen und Geschichten. All das hat Bedeutung, solange es gelebt wird. Doch irgendwann beginnt der Mensch zu erkennen, dass er mehr ist als diese Formen. In Richtung Moksha zu gehen heißt für mich, die Bindungen zu durchschauen und das Herz frei werden zu lassen.

Ich möchte gehen können, wenn der Tag kommt. In Frieden. In Dankbarkeit. In dem Wissen, dass ich mein Leben angeschaut, erfüllt, geklärt und gesegnet habe.

Swami Sivananda gewidmet

Diese Zeilen widme ich Swami Sivananda. Nicht als wörtliches Zitat, sondern als Erinnerung an einen Gedanken, der in seinen Lehren immer wieder anklingt: Wenn der Mensch durch unzählige Erfahrungen, Gewohnheiten und Wiederholungen gegangen ist, wenn äußeres Erleben immer wieder ähnliche Spuren hinterlässt, dann wächst irgendwann die reife Frage: Warum den Blick weiter nur nach außen richten? Warum nicht nach innen schauen?

Swami Sivananda sprach vom inneren göttlichen Leben, von Selbstverwirklichung, von Meditation, Innenschau und der Befreiung aus den Kreisläufen von Geburt und Tod. Für mich liegt darin eine klare Einladung: Das menschliche Leben ist kostbar. Es ist eine Gelegenheit, den Geist zu klären, das Herz zu reinigen und das wahre Selbst zu erkennen.

Alles Äußere wurde in vielen Formen erfahren: Aufbau, Verlust, Freude, Schmerz, Beziehung, Erfolg, Scheitern, Suche und Wiederholung. Irgendwann ruft das Leben den Menschen nach innen. Dort beginnt die eigentliche Heimkehr. Der Blick wendet sich vom Sammeln zum Erkennen, vom Haben zum Sein, vom äußeren Weg zur inneren Wahrheit.

Der Weg nach Hause

Jetzt beginnt für mich der wichtigste Abschnitt meines Lebens. Die Reise nach innen. Der Weg nach Hause. Nach Hause bedeutet für mich Rückkehr in die Stille, in die Wahrheit, in das Wesentliche. 

Ein Satz hat mich auf diesem Weg lange begleitet um nicht in Schuld oder Ablehnung zu meinem Jüngeren ICH zu landen: Ich habe damals mit dem gehandelt, wo ich damals stand und was ich damals wusste. Heute weiß ich es besser. Heute kann ich mein jüngeres Ich in Liebe umarmen. Dieser Satz nimmt Härte aus der Rückschau. Er verwandelt Schuld in Verständnis. Er öffnet den Raum, in dem Heilung möglich wird.

Das wünsche ich auch dir auf deinem Weg. Sei gnädig zu dir, wenn du dein Leben anschaust. Schau ehrlich hin, doch schau mit Liebe. Lass dein jüngeres Ich nicht allein mit seinen Entscheidungen. Nimm es an die Hand. Führe es in Frieden. Jeder Mensch trägt offene Stellen in sich. Jeder Mensch sammelt Erfahrungen, die später verstanden werden wollen. Der Weg nach Hause beginnt dort, wo wir aufhören, gegen unsere Geschichte zu stehen, und beginnen, sie in Bewusstsein zu verwandeln.

So wünsche ich dir einen gesegneten Weg nach Hause.

Namaste, sei gesegnet.
Swami Kalki Kala

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